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"Hallo, und herzlich willkommen"

"Forschungsoffensive", Teil 3: Eine musiktherapeutische Studie in
Kooperation mit der Universität Witten/Herdecke zeigt, wie
Begrüßungslieder Kindern mit Autismus den Start in den Tag erleichtern.

Jeder kennt es aus eigener Erfahrung: Wenn man morgens freundlich
empfangen wird, gelingt der Start in den Tag umso besser. Das gilt nicht
nur für Erwachsene, sondern auch und gerade für Kinder. Besonders aber
Kindern mit Autismus fällt es schwer, sich auf eine neue Umgebung und
immer neue Situationen einzustellen. Selbst wenn es der tägliche Gang in
den Kindergarten ist. Ein Begrüßungslied kann hier beachtliche Wirkungen
haben. Die Musiktherapeutin Dr. Petra Kern, die an der Universität
Witten/Herdecke promoviert hat, zeigt in einer Studie, wie "Morning
Greeting Songs" den Beginn des Kindergartentages und seinen weiteren
Verlauf für alle Beteiligten positiv beeinflussen.

Die Studie von Petra Kern entstand als Teil ihrer Promotion am Wittener
Lehrstuhl für Qualitative Forschung in der Medizin unter Betreuung von
Prof. Dr. David Aldridge. Kooperationspartner war die University of North
Carolina at Chapel Hill. In Chapel Hill arbeitet die Musiktherapeutin am
Frank Porter Graham Child Development Institute, einer interdisziplinären
Einrichtung besonders zur Frühförderung von Kindern. Auch die konkreten
Forschungsarbeiten wurden in den USA durchgeführt. Dort sind integrative
Kindergärten, in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam
betreut werden, die Regel.

Im Rahmen ihrer Untersuchung erforschte Petra Kern in enger Zusammenarbeit
mit Eltern und Erzieherinnen die Wirksamkeit individuell komponierter
Lieder bei zwei dreijährigen Kindern mit Autismus. Phillip und Ben
weigerten sich, den Gruppenraum zu betreten, liefen weg oder schrieen bei
der morgendlichen Ankunft in der Kindertagesstätte. Beide Kinder hatten
große Mühe, die Begrüßungsgesten und Worte der anderen Kinder und der
Erzieherinnen zu verstehen und mit ihnen in positiven Kontakt zu treten.
"Nach zehn Monaten waren Eltern und Erzieherinnen ziemlich frustriert.
Einige Kinder hatten sogar Angst vor Phillip oder einfach kein Interesse
mehr, mit Ben zu spielen", erinnert sich Kern.

In dem Kindergarten war eine so genannte "Morning Greeting Routine" - ein
fester Ablauf zum Beginn des Tages - für alle Kinder üblich. Die Kinder
begrüßten die Erzieherin und die anderen Kinder, verabschiedeten sich von
den Eltern und gingen zu ihren bevorzugten Spielsachen. Die neuen
Begrüßungslieder, geschrieben und komponiert von Petra Kern, orientierten
sich an diesem Ablauf. Die Erzieherinnen sangen die Lieder, um Phillip
oder Ben willkommen zu heißen und durch den Begrüßungsablauf zu geleiten.
Petra Kern: "Phillip und Ben lernten über ihr individuelles Lied, die
anderen Kinder und Erzieherinnen per Namen oder Austausch eines
Bildsymbols zu begrüßen, in positive soziale Interaktion zu treten und
sich sinnvoll zu beschäftigen, nachdem die Eltern sich von ihnen
verabschiedet hatten."

Die problematischen Verhaltensweisen traten nach kurzer Zeit kaum oder gar
nicht mehr auf. Die Mutter eines Kindes aus Phillips Gruppe berichtete,
vor der Studie habe ihr Kind sich von Phillips unangemessenem Verhalten
zur Begrüßungszeit eingeschüchtert gefühlt. Sobald das Lied eingeführt
war, hatte ihr Kind es morgens eilig, rechtzeitig zur Kindertagesstätte zu
kommen, um an Phillips Begrüßung teilnehmen zu können. Auch Bens Verhalten
wurde von den Kindern positiv kommentiert; es hieß zum Beispiel: "Er weint
nicht mehr!" oder "Das hat er gut gemacht!"

Die Ergebnisse zeigen auch die Effektivität eines musiktherapeutischen
Ansatzes, bei dem verschiedene betreuende und pädagogische Berufsgruppen
zusammenarbeiten. Musiktherapeutische Interventionen lassen sich in
normalen Gruppenaktivitäten und routinemäßigen Tagesabläufen mit
Unterstützung von qualifizierten Musiktherapeuten erfolgreich einbauen und
entsprechen damit den derzeitigen amerikanischen "Best
Practice"-Richtlinien in der Frühförderung. Die Studie wurde zur
Publikation in dem renommierten amerikanischen "Journal of Autism and
Devlopmental Disorders", angenommen und wird demnächst im
wissenschaftlichen Fachverlag Springer erscheinen. (Kern, P., Wolery, M.,
& Aldridge, D.: Use of songs to promote independence in morning greeting
routines for young children with autism)

Das Morning Greeting-Projekt gehört zu einer Reihe von experimentellen
Fallstudien, in denen Petra Kern die therapeutische Wirksamkeit von
Liedern untersuchte. Ihre Studie zu interaktiven, musikalischen
Spielplätzen für Kinder mit Autismus stieß in den USA auf großes Interesse
und wurde inzwischen in Schulen in Michigan und New York in die Praxis
umgesetzt.


Weitere Informationen:
Dr. Petra Kern, z. Zt. Santa Barbara, California
Tel. +1 805 899 1257, » PetraKern@prodigy.net


(2006-08-07)


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