Moskaus neue Nüchternheit – Kein Wodka mehr aufs Geschäft

30. September 2010. Ausgerechnet im Wodka-Reich Russland musste Fußball-Bundesligist
Schalke 04 bei seiner Kennenlern-Reise auf dem Trockenen sitzen. Der spendable
Gastgeber Gazprom, Hauptsponsor des Vereins, hatte bei dem Treffen in der Konzernzentrale
in Moskau zwar Leckereien vom Feinsten aufgefahren – es gab Kaviar, gebratenen
Stör und französischen Wein – doch das hochprozentige Nationalgetränk fehlte, so eine
Pressemeldung. „Wir mussten abends selbst eine Flasche auftreiben, um in Russland wenigstens
einmal mit Wodka anzustoßen“, erinnert sich ein Delegationsmitglied an die Reise.
Dass in Russland bei jedem Geschäftsabschluss oder wichtigen Wirtschaftstreffen der
Schnaps aus Wassergläsern hinuntergekippt wird, zählt zu den ewigen Klischees. Die Realität
ändert sich jedoch – zumindest auf der Top-Ebene im Wirtschaftsleben. „Allenfalls ein
Glas Wein zum Mittag oder abends auch mal ein frisch gezapftes Bier gönnt sich die neue
Generation russischer Spitzenmanager“, berichtet ein Unternehmensberater in Moskau.
In der russischen Bevölkerung ist der exzessive Wodka-Konsum dagegen weit verbreitet.
Alkoholmissbrauch gilt als häufigste Todesursache unter Männern im Alter zwischen 25
und 54 Jahren. Jährlich sterben in Russland Zehntausende an akuter Alkoholvergiftung.
Wer zur rasant wachsenden Schicht der Wohlhabenden zählt, achtet verstärkt auf die eigene
Gesundheit. „Wir brauchen nüchterne Kräfte, um als Konzern voranzukommen“, erklärt
ein Mitarbeiter aus der PR-Abteilung von Gazprom.
Russlands Manager orientieren sich an US-Gepflogenheiten. Ein Heer von jugendlichen
Geschäftsleuten – neu-russisch: Bisnessmeni – trägt teure Anzüge aus dem Westen, geht
regelmäßig ins Fitness-Studio und unternimmt auch sonst alles, um dynamisch aufzutreten.
Bisher beschränkt sich die neue Nüchternheit vor allem auf die Geschäftswelt in den Metropolen
Moskau und Sankt Petersburg. Doch selbst in entlegenen russischen Regionen
geht es bei Geschäftskontakten mit Ausländern nicht mehr so wild zu wie zu Sowjetzeiten.
Einen Ex-Bergwerks-Ausrüster aus dem Ruhrgebiet schüttelt es noch heute, wenn er an
die Verbrüderungsszenen mit Bergbau-Direktoren vor 30 Jahren denkt. Stundenlang habe
man zu Tisch gesessen mit Trinksprüchen, Liedern und Anekdoten. Dazwischen galt es
immer wieder, die berüchtigten „sto gramm“ (hundert Gramm) zur Brust zu nehmen: „Das
war Schwerstarbeit. Doch gute Geschäfte haben wir auch damals gemacht.“
Diese neue Entwicklung wird weibliche Geschäftsreisende freuen. So empfahlen wir
doch bisher, alle Trinksprüche zu erwidern, um die sozialen Kontakte zu festigen. Und
wenn frau schon trinken muss, dann wenigstens das Richtige. SIE sollte „klare“ Spirituosen
wie Obstbrände oder Wodka bestellen. Auch in manchen anderen östlichen Ländern muss
die Businessfrau die Quadratur des Kreises schaffen: Immer schön alles mitmachen und
trotzdem weiblich (nüchtern) bleiben. Also, nur nippen, das Glas beiseite schieben und mit
Saft anstoßen.
Tipp: Als Gastgeberin in Russland zahlt die Frau im Restaurant nicht selbst, sie lässt das
einen Mitarbeiter erledigen. Das wirkt souveräner.
Hochprozentiges für die Herren?
Bei privaten Einladungen gilt schon lange nicht mehr: Wein bringt der Gast der Hausfrau
mit, härtere Sachen IHM. So manche Ehefrau ist in Russland dem eingeladenen Geschäftsfreund
(symbolisch) um den Hals gefallen, weil er der gängigen Empfehlung, ihrem
Göttergatten eine Flasche Schnaps mitzubringen, nicht folgte. Die diplomatische Alternative
ist es, ganz auf alkoholische Geschenke zu verzichten – und lieber Leckereien mit regionalem
Bezug aus Deutschland mitzubringen.
ETI: Etikette Trainer International
ETI ist ein Zusammenschluss von internationalen Etikette Trainern, die gesellschaftliche
Entwicklungen diskutieren, mit traditionellen Formen vergleichen und gegebenenfalls neue
Standards setzen. Diese Empfehlungen werden in Seminaren, Pressegesprächen und
Veröffentlichungen transportiert. Alle Mitglieder haben eine qualifizierte Ausbildung im Bereich
Umgangsformen, Hotellerie, Gastronomie oder Protokoll und bilden sich ständig weiter.
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