Die Rolle entoptischer Phänomene (Mouches volantes) in der Alternativmedizin

Vorsicht vor Leuten, die entoptische Erscheinungen instrumentalisieren, warnt der englische Komplementärmediziner Tim Duerden – und versucht zugleich zu verstehen, wie es dazu kommt, dass entoptische Erscheinungen in manchen Richtungen der Alternativmedizin
eine wichtige Bedeutung innehaben.


Viele komplementär- und alternativmedizinische Systeme gehen davon aus, dass es eine ursächliche, alles durchdringende „Lebensenergie“ oder „Lebenskraft“ prana ausgedrückt wird. Aber auch unsere westliche Kultur gibt, die alle Lebewesen nährt. Solche vitalistische Vorstellungen treffen wir v.a. in asiatischen Religionen an, deren Lebenskraft-Vorstellungen mit den Konzepten des chi, ki und kennt z.B. mit der „Entelechie“ von Aristoteles oder dem von Gott gespendeten Lebensatem in der Bibel (hebr. ruah) vitalistische Theorien. Neuzeitliche Lebenskraft-Vorstellungen wie das „Od“ von Karl L. von Reichenbach (1780-1869) oder der „animalische Magnetismus“
des Franz Anton Mesmer (1734-1815) standen in Konkurrenz zu den immer stärker werdenden kausal-mechanischen Vorstellungen über das Leben, auf welchen unsere akademische Medizin basiert. Viele der heutigen Lebenskraft-Theorien finden sich im Grenzbereich von Wissenschaft, Esoterik und Alternativmedizin, z.B. Theorien über die Aura oder Wilhelm Reichs Orgon-Energie.

Vertreter des Vitalismus, ob Komplementärmediziner oder Philosophen, befinden sich grundsätzlich in der Defensive, wenn sie erklären müssen, was dieses vitalistische Prinzip genau ist; und sie müssen regelmässig passen, wenn es darum geht, dieses Prinzip nach wissenschaftlichen Massstäben zu beweisen. Hier setzt der Arzt und praktizierende Komplementärmediziner Tim Duerden mit seinem Artikel „An Aura of Confusion“ an. Er erinnert daran, dass manche Vertreter der komplementär- und Alternativmedizin bestimmte subjektive visuelle Phänomene, darunter auch entoptische Erscheinungen, als Beweis heranziehen, um vitalistische Ansprüche
und Behauptungen zu stützen – etwa, dass es eine Lebensenergie gibt, und dass man sie direkt sehen könne.

Für Duerden sind vitalistische Interpretationen Fehlinterpretationen. Er will aufklärend wirken, also widmet er den grössten Teil dieses Artikels der Beschreibung und physiologischen Erklärung einer Reihe von optischen Täuschungen und entoptischen Phänomenen, darunter Kontrastbilder, komplementärfarbene Nachbilder, Phosphene und die in gewundenen Bahnen flitzenden „Sternchen“ (flying
corpuscles).

Leider versäumt es der Autor weitgehend, bei diesen Phänomenen konkrete Beispiele ihrer vitalistischen Anwendung zu nennen. Nur gelegentlich stellt Duerden vage und spekulative Überlegungen an, wie es dazu kommen könnte, dass Menschen solche Erscheinungen als Ausdruck von Geist, Bewusstsein oder Intelligenz interpretieren. So sei beispielsweise bekannt, dass Phosphene, die bei geschlossenen Augen als farbige Flecken wahrnehmbar sind, durch gewisse akkustische Frequenzen verstärkt werden können: Tiefe, nicht hörbare Frequenzen würden im Auge Vibrationen erzeugen und damit Entladungen retinaler Zellen bewirken; zudem könnten sie ein Gefühl von Unwohlsein in den Betroffenen auslösen – was eine Ursache sein mag für so manche Spukgeschichte. Und über die fliegenden „Sternchen“, die beim Blick gegen den Himmel sichtbar werden, erfahren wir nur, dass sie oft als vitale Energie oder prana beschrieben werden.

Quelle:
Rotierende Honigwaben-Struktur beim Druck auf die Augen: mystische Erscheinung
oder das Ergebnis von feuernden Netzhaut-Nervenzellen in Verbindung mit
kortikalen Bildverarbeitungsprozessen?

Diese allgemeine und unkonkrete Herangehensweise schwächt schliesslich auch die Warnung des Autors ab: Nämlich dass manche der beschriebenen Erscheinungen von charismatischen Persönlichkeiten gebraucht werden könnten, um leicht beeinflussbare Menschen zu überzeugen. Ein charismatischer Redner könne, so Duerden, diese Effekte zu seinem Vorteil ausnutzen, wenn er sich beispielsweise selbst als Mensch mit mächtiger Aura darstellen will. Dazu müsste er die Leute veranlassen, auf seinen Kopf zu starren, was zur Wahrnehmung eines Lichtkranzes um den Kopf führt, v.a. wenn der Redner die Lichtkontraste durch sorgfältige Beleuchtung verstärke. Auch andere Experimente mit Kontrast- und Nachbildphänomenen könnte den Menschen suggerieren, dass sie Auras sehen, und dass der Charismatiker ihre Sensitivität zu erkennen imstande sei – dies alles könnte das Publikum offen für weitere Beeinflussungen machen.

Der Autor will aber nicht abstreiten, dass subjektive visuelle Erscheinungen für manche Menschen eine sehr grosse Bedeutung erlangen, gerade auch in einem gesundheitlichen Sinn. Duerden vermutet nämlich, dass unter den vielen unbewusst ablaufenden physiologischen und psychischen Prozessen auch subtile Informationen über den Gesundheitszustand oder die Vitalität zu finden sind. Einige Menschen könnten zu diesen Informationen Zugang haben, indem sie sich nach innen konzentrieren. Dabei spielen visuelle Erscheinungen insofern eine Rolle, als die Konzentration darauf hilft, innere, veränderte Bewusstseinszustände zu erreichen. Auf diese Weise würden entoptische Phänomene mit Meditation, Trance, religiösen Erfahrungen sowie eben Erfahrungen der Heilung und Gesundheit in Zusammenhang
gebracht.

Duerden erwähnt die Mouches volantes (engl.: Eye Floaters) zwar nicht. Aber die besondere spirituelle und gesundheitliche Bedeutung, die diese Punkte und Fäden für viele Menschen, mich eingeschlossen, haben, verleiht ihnen ebenfalls eine „aura of confusion“: Bewusstseinsstruktur oder Glaskörpertrübung? Oder allgemeiner: Geist oder Materie? Vitalismus oder Mechanismus? Das ist die Frage.

Ist das wirklich die Frage? Für Duerden offenbar schon, und das zeigt, wo er steht, und was wir von ihm lernen können: Er geht a priori davon aus, dass entoptische Erscheinungen grundsätzlich nichts mit dem Heilungsprozess oder veränderten Bewusstseinszuständen zu tun haben. Solche Phänomene haben ihm zufolge klare physiologische Grundlagen und sind Teil des normalen visuellen Systems des Menschen. Zugleich versucht er zu verstehen, wie es dazu kommt, dass diese Erscheinungen für manche Menschen eine so grosse, oft nicht nachvollziehbare Bedeutung haben können.
Die Antwort sucht er – Überraschung! – in der Psyche des Menschen. Doch dieser physiologische Reduktionismus ist nur das Gegenteil der vitalistischen Überhöhung durch manche Vertreter der Esoterik und Komplementärmedizin. Insgesamt hält Duerden also am Gegensatz zwischen Naturwissenschaft (objektiv, logisch, kohärent,
bewiesenes Wissen etc.) und religiösen, spirituellen oder alternativmedizinischen Erkenntnissystemen (subjektiv, willkürlich, spekulativ etc.) fest. Doch diese Trennung lässt sich heute nicht mehr aufrechterhalten. Längst ist bekannt, dass auch in der Naturwissenschaft subjektive, psychische, soziale und kulturelle Mechanismen am Werk sind, die das exakte Wissen eben nicht mehr ganz so exakt und objektiv erscheinen lassen.

Die Frage ist, wie wir mit diesen beiden Welten, die sich in subjektiven visuellen Erscheinungen treffen, umgehen. Ich bin dafür, dass wir beiden Erklärungen den nötigen Raum geben, aber keine verabsolutieren: Ja, MV und andere entoptische Phänomene haben eine physiologische Grundlage, wie alle Wahrnehmungsphänomene – wir sollten prüfen, ob und wie sie mit unserer Beobachtung übereinstimmen; ja, entoptische Phänomene können eine grosse spirituelle Bedeutung haben für manche Menschen, wie grundsätzlich alle Dinge – wir sollten uns bewusst sein, wie es dazu gekommen ist; ja, es ist schwierig, oft unmöglich, die wissenschaftliche und persönliche/spirituelle Erklärung vollständig in Einklang zu bringen – wir sollten sie nebeneinander stehen lassen und jene verfolgen, die uns am meisten zusagt; und ja, MV und andere Erscheinungen können grundsätzlich missbraucht werden, genauso wie alle Arten von Wahrnehmungen und Wissen, einschliesslich der Wissenschaft – wir sollten immer nach den Absichten der entsprechenden Leute fragen. Das ist ein Teil der gelebten Bewusstseinsentwicklung.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir die friedlichste Lösung stets jenseits des Denkens finden: In der stillen meditativen Betrachtung sind MV & Co. immer nur das, was sie eben sind: Momentane visuelle Realität. Das ist ein anderer, genauso wichtiger Teil der gelebten Bewusstseinsentwicklung.

Quelle
und Literatur:

  • Duerden,
    Tim: An aura of confusion: ‘seeing auras – vital energy or human
    physiology?’ Part 1 of a three part series, in: Complementary
    Therapies in Nursing & Midwifery (2004) 10, 22–29.
von Floco Tausin
Leuchtstruktur-Verlag
Switzerland
und