„María de Buenos Aires“, Tango-Oper feiert Erfolg in Rumänien – Neuinszenierung in Viel-Völker-Region Timisoara

Nach wenig erfolgreichen Versuchen im latino geprägten Rumänien, in der Hauptstadt Bukarest und in der zweitgrößten Stadt Cluj (Klausenburg), hat sich jetzt die drittgrößte Stadt des Landes MARÍA DE BUENOS AIRES angenommen. Das Teatrul National de Timisoara (Temeswar) im Westen Rumäniens, seit 400 Jahren eine Viel-Völker-Region mit lebendigen Sprachen aus Ost und West, brachte jetzt die Tango Operita in 16 Bildern (1968) von Astor Piazzolla und dem Libretto von Horacio Ferrer erfolgreich auf die Bühne.

Sanziana Tarta: „Ich bin María... María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!"  (Foto:TNT)

Sanziana Tarta: „Ich bin María… María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“ (Foto:TNT)

1948 lernte Horacio Ferrer Piazzolla persönlich kennen. Eine lyrisch-musikalische Verbindung war geboren. „Du verwirklichst in der Poesie dasselbe wie ich in der Musik. Von jetzt an werden wir gemeinsam komponieren. Überlege dir einen Stoff für musikalisch-lyrisches Theater.“ Ferrer lieferte darauf die Vorlage für „María de Buenos Aires“ und schlug vor, entsprechend der Entwicklung der Hauptfigur, verschiedene Stile zu benutzen. Piazzolla ging an die Arbeit und vollendete das Werk 1968 in Buenos Aires. Die Musik basiert dementsprechend auf verschiedensten Stilen des Tango und des von Astor Piazzolla entwickelten Tango Nuevo, eine Nummernoper aus Gesang und Sprecheinlagen, Tanzdarbietungen und instrumentalen Zwischenspielen. Dabei bezieht sich Piazzolla immer wieder auf die Mittel der klassischen Formsprache, baut eine Toccata, eine Fuge, oratorienhafte Partien in die Operita ein und verquirlt alles mit Ballett und Tango-Wurzeln von Milonga und Canyengue, Jazz, Barmusik-Elementen und Kabarett. Die „Fuga y misterio“ ist zu einer der berühmtesten instrumentalen Auskopplungen und „Ich bin María“ – „Eu sunt María“ (rum.) zur wohl bekanntesten Gesangsnummer geworden.

Diese einzige Oper Piazzollas, des berühmten Tangokomponisten des letzten Jahrhunderts, spiegelt eine zutiefst emotionale Liebeserklärung, eine Obsession an den Tango und seine Heimatstadt Buenos Aires wider. „María de Buenos Aires“, Textilarbeiterin, dann Tangosängerin und Prostituierte, versinnbildlicht diese Stadt, die geprägt von Problemen unzähliger Einwanderer, Diktaturen, Krisen in Wirtschaft und Umwelt, sich immer wieder aus eigener Kraft neu erfindet.

Astor Piazzolla schenkte der Stadt ein Denkmal mit einem musikalischen Werk, das mit den Texten von Horacio Ferrer eine beeindruckende Einheit ausmacht. Die italienische Sängerin Milva, die wohl mit Maria eins gewordene, bezeichnet Ferrers Worte als reine Poesie, die Handlung als bewusst surreal überzogen. „Wären die Episoden Bilder, so könnten sie von Dali oder Magritte stammen“, so Milva weiter, wir folgen dem Geschehen, ahnen Bedeutendes, ohne es zu begreifen: Eine rein surrealistische Hommage an die Stadt. Es mutet pathetisch an und darf es hier auch sein. Pathos und Emotion in übersteigerter Expression machen schließlich den Tango aus.

Das Nationaltheater Timisoara (TNT) hat Erfahrung im Umgang mit Randfiguren von Gesellschaften. 2007 entwickelte das Haus unter der jungen, kreativen Leitung von Ada Lupo-Hausvater als General-Direktorin, Ion Rizea ihrem Kooperator (und Schauspieler) sowie einem soziokulturell emotional engagierten Regisseur Radu Afrim, im TNT ein neues Gesamtkunstwerk, das begeisterte: Der italienische Autor Fausto Paravidino schrieb “Die Krankheit der Familie M“, angesiedelt in einem Italien, dem er selbst entflohen ist, das der Tourist nicht kennt und wohl auch nicht mag. Und das fand man wieder, von Radu Afrim ins Rumänische transponiert. Keine Landschaften endloser Weite, kein zielloser Highway mit altem Fiat am Rand, die ins italienische Nichts führen, einzig die Sprache der Straße war erhalten geblieben. Es gibt keinen ausweglosen Tod, keinen nutzlosen Untergang, das Negative wurde umgekehrt in eine neue theatralisch positiv reale Schönheit geformt. Man wollte nicht die Gesellschaft verändern. Eine gesellschaftliche Randgruppe aus Rumänien war dargestellt, die mit ihren Problemen überall angesiedelt sein kann. Da faszinierten schon die dreidimensionalen Bilder, die Radu Afrim, der auch ein ausgezeichneter Fotograf ist, entwickelt hatte. Öde, Langeweile, Dialoge, die ständig aneinander vorbeigehen, eingebettet in einen farbigen Raum und das Gefühl, es entstünden ständig neue, lebende Bilder. Hier wurden der Alltag, die Gosse und die darin Herumvegetierenden zu einem theatralischen Gesamtkunstwerk aus Farbe, Form, Aktion und Geräuschen: Der Schmutz hatte eine Farbe, die Langeweile einen Namen, ein kunstvolles Puzzle direkter Hinwendung von Regisseur, Szenerie und Akteuren zu gesellschaftlicher Realität und zum Alltag, um daraus eine neue Schönheit zu erschaffen. Nicht umsonst endete die Afrim-Version nicht mit Tod und Chaos. Hier stieg die Action der Straße wie ein Phoenix aus der Asche auf zu einem farbenprächtigen, emotionalen Bild, das Afrim im Stück von Dea Loher „Plata Roosevelt“, einem gewöhnlichen Platz, diesmal in der Megametropole São Paulo, weiter vorangetrieben hat. Da treffen sich alle, die Alten und die Jungen, die Arbeit haben und die keine Arbeit haben, Dealer, Huren und ihre Kunden, die Bingozahlen-Ansagerin und der Revolverfabrikant, dessen krebskranke Sekretärin und der alternde Transvestit, sogar dessen Freundin und ein Marsianer – und im täglichen Chaos sucht ein Polizist seinen Sohn, den die Arbeitslosigkeit zu den Dealern getrieben hat. In diesem von weitaus mehr Musik und Songs durchsetzten Stück haben sie alle ihre Träume vom Leben, aber sie alle sind von morgens bis nachts damit beschäftigt zu überleben – und finden dabei nur allzu leicht den Tod. Die beiden vorgenannten Stücke stehen nach wie vor auf dem Spielplan des Theaters, sorgen für jeweils ein volles Haus. 2009 wurden der Regisseur Radu Afrim und das TNT mit dem KulturPreis Europa ausgezeichnet.

In „María de Buenos Aires“ nun hat Theaterchefin und Regisseurin Ada Lupo in der Operita erneut diesen Weg erfolgreich beschritten. Man ahnt in ihrer Inszenierung die Schattenseiten der überschäumenden Stadt. Eine ursprünglich recht düstere Angelegenheit, transportiert im Libretto von Horacio Ferrer und in der morbiden Tango-Melange von Astor Piazzollas Musik: Melancholie, Sehnsucht, Stolz und Drama, Euphorie, Leidenschaft und Sinnlichkeit, Traurigkeit selbst im Heiteren verwurzelt. Doch hier hat die Inszenierung einen Stopp eingebaut. Ada Lupo hat die mit Symbolismen überfrachtete Nummernfolge entschlackt. Die unendlichen Monologe des Erzählers wurden – einer Tango-Darbietung gleich – im Dialog zweier um sich drehenden Personen in Beziehung gesetzt.

"Er und Sie", Ion Rizean und Claudia Ieremia ... (Foto. TNT)

„Er und Sie“, Ion Rizea und Claudia Ieremia … (Foto. TNT)

„Er und Sie“, Ion Rizea und Claudia Ieremia transferieren bereits den melodisch rhythmischen Fluss der Musik in ihre Sprache, Gestik und Mimik. Sie lösen sich das eine oder andere Mal voneinander, erliegen dem Sog des Tango-Paars (Cristina Daju und Sliviu Gusat) ebenso wie die restlichen Darsteller der Stadt (Iuliana Craescu, Cristina König, Corina Dohanici, Adriana Sancraian, Matei Chioariu, Raul Bastean, Raul Lazarescu und Ionut Iova), finden wieder zueinander. Die Geschlechter verschwimmen, Tango bedeutet vor allem eines: pure Sinnlichkeit, Hingabe und alles rundum vergessen.

Die Erwartungshaltung des Publikums an das Thema Tango wird voll bedient. Die normalerweise kammermusikalische Besetzung stützt sich stilgemäß auf die eines Tango-Ensembles. In der Timisoara-Vorstellung spielt die Musik eine höherwertige Rolle. Dementsprechend groß ist die Schar der Instrumentalisten: Es überzeugen Valentina Peetz (Piano), Lucian Petrila und Carmen Paulescu (Geige), Iuliana Ambarus (Viola), Andrei Saramet (Cello), Csaba Santa (Kontrabass), Ionut Dorobantu (Gitarre), Gianluca Vanzelli (Flöte), Andrei Voica (Vibrafon, Xylofon) Radu Alexandru Pieloiu (Percussion) unter Leitung des begabten Alin Stoianovici, der zudem mit großartigen Akkordeon-Parts brilliert. Dieses Ensemble hat den Tango, die Emotionen professionell gegliedert und perfekt im Griff. Ein Tango-Paar bereichert die Szenerie, schließlich geht es auch um die Gefühle und Expressionen des Tango-Tanzes.

Dass der Abend mit den kryptischen, auch für Rumänisch-Kenner nahezu unverständlichen Texten ein erfolgreicher wurde, ging von der Arbeit der Übersetzerin Raluca Ciortea und der Dramaturgie von Codruta Popov aus, die dem Regiekonzept folgend die Story und die zahlreichen Figuren auf ein Minimum verdichteten.

Sanziana Tarta, Maria und Ensemble ... (Foto: TNT)

Sanziana Tarta, Maria und Ensemble … (Foto: TNT)

„Ich bin María… María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“ Das richtige Maß an tragischen, lasziven und leidenschaftlichen Gefühlswallungen verkörpert die noch junge Musical-Darstellerin Sanziana Tarta. Sie hält sich wohltuend zurück als Geknechtete, Hure und Heilige, kein leichtes Unterfangen auf einer leeren Bühne, die der Table-Dance Fläche eines Nachtclubs gleicht, auf dem das Auf- und Ab ihres Lebens seinen Lauf nimmt, während das Publikum Rotwein kippt und von Mal zu Mal von Darstellern zu innig umschlungenem Tanz animiert wird.

Der erinnerungslose Schatten schreibt im „April meiner totalen Tristesse“ an die Bäume und Kamine, die ihn vor der Sonne beschützen. Er bittet darum, das Andenken an ihn nicht aufzugeben. In einem kurzen Moment flüchtiger Erinnerung unterschreibt er mit „Der Schatten Marías“. Es ist und bleibt in dieser Inszenierung einzig María. „María“ und „La Sombra de María“ werden von derselben Sängerin gesungen. Die Tenorrollen gestaltet Victor Bucur als Poet. Er passt exakt in das moderate Bild der Regisseurin. Der Schauspieler und Sänger agiert auf dem gewünscht moderaten Sektor, ein eher angenehmer als angetrunkener Partner mit Zigaretten verrauchter Stimme. Beide bilden ein auf Gedeih und Verderb verbundenes Paar. Maria stirbt, bevor sie so richtig zu leben beginnt.

Ein kurzer Tango krönt die Leistung von Sanziana Tarta und Victor Bucur. (Foto: TNT)

Ein kurzer Tango krönt die Leistung von Sanziana Tarta und Victor Bucur. (Foto: TNT)

Victor Bucur nimmt man ab, wie er sie leidenschaftlich in verschiedenen Figuren noch einmal durch das Düstere ihres Daseins führt, zwischen Huren, Zuhältern, Dieben, Trinkern. Ein kurzer Tango krönt die Leistung von Sanziana Tarta und Victor Bucur.

Der Geist und eine Stimme Jenes Sonntags beschreiben einen normalen Sonntag, der langsam aus den Fugen gerät. Den Nudelwalzerinnen beben die Hände im Teig, die Oliven in den Aperitifs verwandeln sich in goldene Sternchen, und der Geist macht auf den Schatten Marías aufmerksam, der im Gerüst steht und zu gebären beginnt. Der Schatten Marías singt ein Weihnachtslied. Doch er gebiert kein Jesuskind, die Frauen entdecken erschreckt, dass es sich um ein Mädchen handelt. Die Engel ziehen darauf weinend los um sich zu betrinken.

Man fragt sich, ob dieses Mädchen jetzt die wiedergeborene María ist oder nicht. Das Ende dieser Inszenierung lässt diese Frage weniger offen und mit der gebetsartigen Formel „Maria unser von Buenos Aires…vergessen bist du unter allen Frauen“ nimmt das Spiel von Leben und Tod und Wiedergeburt erneut seinen Lauf und wieder vernimmt man ein wortloses Thema des Tango, der Marías Sprache ist.

Vom ersten Ton bis zum bittersüßen Ende Leidenschaft und Sinnlichkeit, alles Tango ... (FOTO: TNT)

Vom ersten Ton bis zum bittersüßen Ende Leidenschaft und Sinnlichkeit, alles Tango … (FOTO: TNT)

Das Publikum ist begeistert und belohnt das Ensemble mit stehenden Ovationen: die Darsteller, Regisseurin Ada Lupo und das Orchester, vom ersten Ton bis zum bittersüßen Ende Leidenschaft und Sinnlichkeit, alles Tango.

Acht Jahre bereits hat das Theater die genannten Themen für sein Publikum aufbereitet. Die Regisseure erschufen mit ihren szenischen Bildern wundervoll sauer-süße Märchen, inszenierten Bilder, die global in vielen Arbeitervierteln am Rande der Großstädte mehr und mehr entstehen. Sie lösen interkulturelle Wechselwirkung aus, erzeugen interkulturelle Sensibilität, fördern emotionale Kompetenz mit einer vielfarbigen Botschaft von Toleranz, Akzeptanz und Diversity in Rumänien für ihre Landsleute und für Europa. (von Dieter Topp)

Information: www.tntimisoara.ro

Fotos: TNTimisoara

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