Was haben Mouches volantes mit Zen zu tun?

Die Ähnlichkeiten zwischen Mouches volantes (sogennanten Glaskörpertrübungen) und den von Zen-Meister Dogen beschriebenen „Himmelsblüten“ entdeckt.

 

„Der Zen-Meister Reikun vom Berge Fuyo in der Provinz Fukushu im grossen Sung-Reich [= China] war am Anfang zum Zen-Meister Shishin vom Tempel Kishu gekommen und fragte: „Was ist denn Buddha?“ Kishu antwortete: „Wenn ich es dir sage, glaubst du es dann oder nicht?“ Meister [Reikun] sagte: „Wie sollte ich dem aufrichtigen Wort des ehrwürdigen Mönches denn nicht glauben?“ Kishu sagte: „Gerade du nämlich bist es!“ Meister [Reikun] sagte: „Wie ist dies [dass ich Buddha bin] zu bewahren?“ Kishu antwortete: „Gibt es eine krankhafte Trübung im Auge, so wirbeln die leeren Blüten herab.“

Dieser für den Zen-Buddhismus typische Dialog stammt aus dem Text „Kuge“, einer der 95 Schriften aus dem Shobogenzo. Das Shobogenzo ist das Hauptwerk des Zen-Meisters Dogen Kigen (1200-1253), der 1227 die Soto-Schule in Japan begründete, eine von drei grossen Schulen des japanischen Zen-Buddhismus. Die Texte im Werk geben Anweisungen zur Praxis, spekulieren über die Ununterscheidbarkeit von samsara (Wiedergeburtenkreislauf) und nirvana (der Erleuchtungszustand) und stellen die Lehre oft anhand alltäglicher Handlungen konkret dar.

Hilbert von Sturzbach, der sich selbst seit mehreren Jahren mit Zen beschäftigt, machte mich auf den Text „Kuge“ aufmerksam: Könnte es sein, dass Dogen mit dem Begriff „kuge“ auf die Mouches volantes oder ein anderes entoptisches Phänomen anspielt? Das Wort besteht aus ku (= Himmel, Leere, leer) und ge (= Blume, Blüte) und bezeichnet im Japanischen die Illusionen, die in den kranken, trüben Augen erscheinen. Dogen reizt diese Doppelbedeutung von ku in seiner metaphernreichen Sprache aus – weshalb die Übersetzung des Begriffs auch immer etwas anders ausfällt (bei den Übersetzern Ohashi/Eberfeld meistens als „leere Blüte“).

Könnte mit dem Begriff „kuge“ das entoptische Phänomen Mouches volantes gemeint sein?

 

Neben dieser augenheilkundlichen Definition von kuge gibt es weitere Sachverhalte, die dafür sprechen, dass sich Zen-Meister Dogen mit entoptischen Erscheinungen auseinander setzte und ihnen eine spirituelle Bedeutung verlieh:

1) Dogen spricht sich gegen die pathologische Dimension von kuge aus: „Er [der Unwissende] erfährt nur gänzlich, dass es durch die krankhafte Augentrübung die leere Blüte gibt und er erfährt nicht gänzlich den Sachverhalt, dass durch die leere Blüte die krankhafte Augentrübung sein gelassen wird. Man soll wissen, dass der augenkranke Mensch des Buddha-Weges der ursprünglich erwachte Mensch ist …“

2) Das Auge ist der Ort, wo die kuge entstehen. Zudem haben wir mit dem „Herabwirbeln“ einen Hinweis auf die Beweglichkeit der Mouches volantes, v.a. ihre Bewegung nach unten.

3) Kuge sind wie die Mouches volantes zugleich immanent und transzendent: Die Himmelsblüte gedeiht zwar im Auge, ist aber nicht Teil dieser Welt, sondern der Leere (shunyata). Doch obwohl kuge von der Welt verschieden sind, sind sie in dieser Welt präsent und wahrnehmbar.

4) Kuge werden mit der buddhistischen Lehre und Aspekten davon identifiziert und haben dadurch, wie die MV, eine spirituelle, heilsrelevante Bedeutung.

Dafür, dass kuge als entoptisches Phänomen Teil der spirituellen Zen-Praxis ist, spricht zudem der Umstand, dass der Begriff in weiteren Texten vorkommt (die noch genauer untersucht werden müssten), auf die Dogen im Text Bezug nimmt. Welcher Art diese Praxis jedoch ist, ob es sich dabei um eine Inspiration für das tiefe Nachdenken über die wahre Natur unserer Welt handelt oder um eine konkrete visuelle Beobachtung, dies muss hier noch offen bleiben, genauso wie die Art der entoptischen Erscheinung, auf die kuge Bezug nimmt.

Vielen Dank, Hilbert, für diesen wertvollen Hinweis!

 

Falls ihr von irgendeinem grob- oder feinstofflichen Phänomen wisst, das als Mouches volantes interpretiert werden könnte; oder wenn ihr alternative Vorschläge habt, was MV eigentlich sind, dann sendet sie mir zu, ich bin sehr daran interessiert.

 

Literatur:
Dôgen: Shôbôgenzô. Ausgewählte Schriften. Anders Philosophieren aus dem Zen. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt, erläutert und herausgegeben von Ryôsuke Ôhashi und Rolf Elberfeld, Tokyo 2006

 

von Floco Tausin

Weitere Informationen: http://www.mouches-volantes.com/news/news.htm