Von HERMANNSTADT Kulturhauptstadt 2007 zu FAUST in Edinburgh 2009 und SIBIU Theaterfestival 2011

Während im Westen Europas noch dem späten Frühling nachgehangen wird, hat der Sommer in diesem Jahr schon Einzug im kontinentalen Rumänien gehalten. Vom Schwarzen Meer bis in die Berge von Transsylvanien ist der Tourist eingeladen, Land und Leute zu erkunden, Ferien zu machen und als Kulturtourist auf das Hochplateau um Hermannstadt (Sibiu) zu reisen. Hier finden sich die Spuren der Habsburger und vor allem die deutschen Relikte der ehemaligen sächsischen Auswanderer deutlich erhalten.

Vom „Hotel am Ring“ im Zentrum schweift der Blick über den „Großen Platz“ mit wundervoll restaurieren Bürger- und Verwaltungsgebäuden, Kirchen, Restaurants und Cáfes in die Fußgängerzone, proper gepflastert und mit Bäumen voll saftigem Grün bestanden. Versetzt in eine Welt von Gruppen rumänischer Tagestouristen fallen hier die zahlreichen Asiaten auf, mehr als anderswo in Rumänien und der Klang deutscher Laute vermittelt über die vielen deutschen Namen über den Geschäftseingängen heimlich ein heimisches Gefühl, unterbrochen von englischen, französischen und italienischen Stimmen, die staunend innehalten, weil sich gerade ein riesiger Lindwurm durch die Straßen zwängt und unweigerlich Besitz vom internationalen Publikum nimmt.

Ein Synonym für das, was Ende Mai für zehn Tage von Hermannstadt und seinen Einwohnern Besitz ergriffen hat, für die beachtlich zahlreichen Ausländer, die jetzt Sibiu bevölkern und das Publikum für ein Mega-Theaterevent bilden, bahnt sich seinen Weg von den mittelalterlichen Stadtmauern durch die Gassen voll barocker Häuser. „Ich komme seit 1993 hierher und habe es keinmal verpasst, dieses Festival an zahlreichen Spielorten in- und outdoor zu verfolgen“, begeistert sich Noel Witts, Professor für Darstellende Künste an der englischen Universität von Leeds, der auch mit seinen Studenten hierher reist und behauptet, „nirgendwo in Europa treffen sich derart viele unterschiedliche Nationen und tauschen ihr Können und ihre Kunst untereinander und mit dem Publikum aus.“ Er hat sich ganz und gar dem verschworen hat, was seit 18 Jahren Constantin Chiriac, Leiter des Radu Stanca Nationaltheaters Sibiu, an verantwortlicher Stelle des Festivals auf die Bretter stellt. Letzterer hat fleißig daran mitgearbeitet, die Kulturhauptstadt Europa 2007 nach Rumänien zu holen, was schon einen beachtlichen Erfolg für das Land bedeutet, das eher „am Rand der europäischen Wiedervereinigung“ steht, nachdem die wirtschaftlichen Grenzen jetzt aufgehoben wurden und für das die europäische Freizügigkeit der Wahl von Lebensmittelpunkt und Arbeit noch in weiter Ferne stehen.

„Wir machen es einfach umgekehrt: Wir holen die Ausländer in unsere Stadt, als Mitwirkende bei den Theatervorstellungen, Buchpräsentation, Ausstellungen, Diskussionsrunden und Openairs“, argumentiert Chiriac. Wenn man von Nachhaltigkeit der Europa Kulturhauptstadt 2007 sprechen kann, dann sicher von dem, was das Internationale Theaterfestival von Sibiu hier leistet. Die Kommune wurde allemal involviert, Wirtschaftsunternehmen sponsern und so kommt das notwendige Geld zusammen, die immense Anzahl von Veranstaltungen in der Festivalperiode zu einem Ereignis für alle und einfach jeden werden zu lassen. Ein hohes Ziel, das man sich Jahr für Jahr erneut steckt. Heuer sind wieder zahlreiche Länder aus Europa und international vertreten. Das Festival repräsentiert ein anderes Rumänien, eine Region mit europäischer Vergangenheit und deutschen Wurzeln, ein Volksfest im besten Sinne. Keine schlichte Kirmes mit fliegenden Händlern oder billigem Straßen- und Bühnengeschehen darf es sein. „Wir haben die Palette so gefächert, dass für jeden etwas dabei ist, aber achten peinlich darauf, uns nicht unter Niveau zu präsentieren“, darauf legt der Tausendsassa Chriac Wert, der am Morgen eine Buchpräsentation eröffnet, am Mittag eine Pressekonferenz gibt, zwischen 16 und 23 Uhr bei vielen Vorstellungen Präsenz zeigt und zwischendurch noch als Schauspieler in einem der 80 Repertoirestücke des Nationaltheaters zu sehen ist.

Sicher war 2007 ein Glücksfall für Rumänien, für Sibiu bedeutete es ein europäisches Podium, auf dem das Festival agiert, ein kultureller und besonders auch wirtschaftlicher Faktor für Stadt und Region. Jeder Besucher bringt Geld und das bedeutet wiederum Arbeitsplätze, beides, woran es ansonsten in Rumänien aufs Äußerste mangelt. Theaterfestival Sibiu, rumänischer Magnet für Kulturtourismus? Hier schein man verstanden zu haben wie es geht, wovon Bukarest, die gerne alles dominierende Hauptstadt, noch weit entfernt ist. Weder für das Land noch für die Hauptstadt existiert ein einheitliches, funktionierendes Touristenbüro, dessen wirtschaftliche Bedeutung in Ungarn, Tschechien und den meisten osteuropäischen Ländern schon längst erkannt und Gewinn bringend umgesetzt wurde. Also muss man in Sibiu Festivalteilnehmer und internationale Gäste noch selber organisieren und hat auch hier doppelte Arbeit zu leisten, von dem keine andere überregionale Veranstaltung in Rumänien verschont bleibt.

Seit 2007 hat Europa Schwung nach Sibiu gebracht. Im Jahr 2009 kam der fulminante Erfolg einer rumänischen Faust-Inszenierung bei den Edinburgh Festspielen hinzu. „Ein orgiastischer Karneval von Sex und Tod wütet in Silviu Pucarete’s Faust, das von einer tiefen Verwurzelung in einem „Vampirland“ Zeugnis ablegt“, begeisterte sich Theaterkritiker Neil Cooper „in tiefer Hochachtung vor diesem Juwel der Illusion“. Seitdem schein man nicht nur in Insiderkreisen um den Level des rumänischen Theaters zu wissen.

Was Faust auf der Bühne im europäischen und auch internationalen Zusammenhang gegeben hat, das lieferten drei Rumäninnen auf dem literarisch informativen Sektor für den deutschen Sprachraum ab. Ein Nachschlagewerk über rumänische Stücke und vor allem Stückeschreibern, von Alina Mazilu, Irina Wolf und Medana Weident erarbeitet, erschienen 2010 im Berliner Frank & Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur. Es informiert umfassend über das, was seit 1989 in Rumänien für das Theater entstand und wer sich mit welchen dieser literarischen Arbeiten als Regisseur einen Namen machte. Für deutschsprachige Festivals mit europäischem Tenor eine Erleichterung auf der Suche nach Neuem und Unbekanntem, für den Theatergänger eine zusätzliche Information. Eine weitere Stufe, um auch das rumänische Theater auf die Ebene zu bringen, die der rumänische Film bereits international innehat.

„Dieses Buch ist von wesentlicher Bedeutung für das Image des rumänischen Theaters weltweit. Bemerkenswert, dass die drei Herausgeberinnen und Autorinnen, die in drei unterschiedlichen Länder leben, es gemeinsam geschafft haben, das rumänische Theater zu beleuchten, vor allem auch im Vergleich zum Theater in Wien, Berlin, München usw.. Ein Pluspunkt dieses Buches macht auch die Tatsache aus, dass die wichtigsten Stimmen des rumänischen Theaters (Autoren, Regisseure, Kritiker) zu Wort kommen und dadurch ein rundes Bild der rumänischen Theaterszene bieten. Dass dieses Buch bereits auf großen Buchmessen präsentiert wurde, rundet seine Bedeutung ab,“ so Constantion Chriac bei der Präsentation des Buches auf dem Sibiu Festival 2011 vor internationalen Gästen und der Presse.

Manches braucht halt etwas länger in Rumänien. Aber was Theater und Theaterfestivals angeht, ist man auf einem guten Weg. Mit Spannung darf erwartet werden, wie sich Sibiu 2012 dem Kulturtouristen anbietet, die Lowcost Carrier sind eingestiegen und haben Sibiu aus der Mitte Rumäniens näher an Deutschland und Europa gebracht. „Das Internationale Theaterfestival von Sibiu (Hermannstadt) verwandelt die Stadt in eine Bühne“, man schwärmt in der Nationalen Rumänischen Presseagentur von mehr als 40.000 Festivalbesuchern.

Das Festival werde mit Unterstützung u.a. des Ministeriums für Tourismus organisiert, ist nachzulesen. Nun bleibt die Hoffnung, dass der rumänische Minister für Tourismus, Ovidiu Silaghi, auch sieht, wo hier seine Aufgaben liegen und sie in diesem Bereich wahrnimmt.

Tags: Sibiu, Hermannstadt, Theaterfestival, Pucarete, Faust, Leeds, Edinburgh Festival, Radu Stanca Teatrul National, Constantin Chiriac,

Weitere Informationen: www.sibfest.ro

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