Andrew Terker – Der Boom

Es ist Freitagmorgen, ziemlich früh: Andrew Terker macht kurz nach der Schweizer Grenze eine kleine Pause an einer deutschen Autobahnraststätte. Am Zeitungskiosk „springt“ ihm die Schlagzeilen der BILD-Zeitung ins Gesicht: „Keiner kommt so gut aus der Krise wie wir! Das neue deutsche Wirtschaftswunder. Unser Jobwunder wird zum Wirtschaftswunder. Wachstum rauf! Arbeitslosigkeit runter! Auftragsbücher voll!“ Weiter heisst es, dass die Amerikaner die starke deutsche Wirtschaft als „Powerhouse“ und als „Germany Superstar“ feiern. Nach Aussage des deutschen Finanzministers wird die Zahl der Arbeitslosen sehr bald unter drei Millionen sinken, und „es wird so viel Jobs wie vor der Wende geben“.

Andrew Terker sieht sich um im der Autobahnraststätte und entdeckt nur traurige und verzweifelte Gesichter. Die Menschen, mit denen der Autor spricht, erzählen ihm, dass die Berichte nur Lügen seien. „Jeder weiss, dass es nicht stimmt“, sagt eine Frau hinter dem Schalter. „Keiner glaubt mehr der Regierung oder der Presse“, erzählt sie ihm.

Andrew Terker fragt sich, ob Deutschland jetzt „Alice im Wunderland“ ist. Wenn man ein wenig Forschung im Internet betreibt, findet man schnell heraus, dass der grössere Teil des sogenannten „Jobwunders“ die Arbeitsstellen beinhaltet, die fast keiner haben will. Viele zahlen wenig mehr als Arbeitslosenunterstützung.

Andrew Terker: Was passiert derzeit in Deutschland?

Die Diskrepanz zwischen der Realität und der Illusion wird immer grösser. Die meisten Deutschen erleben keinen wirtschaftlichen Aufschwung. Vielmehr erleben sie, so Andrew Terker, etwas zwischen einer Rezession und einer Depression. Viele Firmen mögen durchaus mehr Aufträge für ihre Produkte haben. Dennoch führt dies nicht automatisch zu einem besseren Leben der Konsumenten.

In Wirklichkeit geschieht etwas anderes, berichtet Andrew Terker: Innerhalb der deutschen Bevölkerung gibt es eine wirtschaftliche und soziale Veränderung bzw. Verschiebung. Man könnte auch sagen, dass hinter der Wirtschaftskrise eine ganz spezifische Absicht steht. Sie kreiert in den westlichen Industriestaaten eine neue Klasse der Benachteiligten. Die Idee ist, fährt Andrew Terker fort, dass diese benachteiligte Klasse genau das tut, was die Klasse der Begünstigten wünscht. Das bedeutet beispielsweise, mehr Stunden, unter schlechten Bedingungen und für einen niedrigen Lohn zu arbeiten. Die Wirtschaftskrise hat die innere und äussere Verarmung der breiten Bevölkerungsschicht zum Ziel.

Andrew Terker verwendet die Präsens-Form in Bezug auf die Wirtschaftskrise, da sie noch nicht zu Ende ist.

Die Wirtschaftskrise hat für die wohlhabenderen Bevölkerungsschichten nie existiert, hebt Andrew Terker hervor. Hingegen ist sie für die wirtschaftlich und sozial schwächer gestellten Bürger in den USA, in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien oder anderen Ländern noch in vollem Gange.

In den USA gibt es Statistiken über die ansteigende Armut. Offiziell leben 3,6 Millionen Amerikaner in Armut und zusätzlich Zig-Millionen am Rande der Armutsgrenze. Die Armut nimmt zu und nicht ab, weiss Andrew Terker.

In Deutschland muss man ziemlich gut recherchieren, um in der Presse Informationen über die neue Armut zu finden. Die Regierung arbeitet Hand in Hand mit der Presse, um diese möglichst geheim zu halten. Die beste Art, Andrew Terker weiter, an Informationen zu kommen, ist über ein direktes Gespräch mit der Bevölkerung, sei es auf der Strasse, in Geschäften, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Café. Sie werden von den meisten Menschen hören, dass der Wirtschaftsaufschwung in ihrem Leben nicht stattfindet.

Andrew Terker: Es ist klar, dass die deutsche Regierung ihre Politik in Bezug auf die wirtschaftliche Sichtweise und Lage, die dem Volk präsentiert wird, einfach geändert hat. Am 17. Februar 2010 veröffentlichte die Deutsche Welle auf Englisch einen Bericht mit dem Titel „Study reveals a steep rise in German Poverty“ („Studie zeigt steilen Anstieg der deutschen Armutsgrenze“). Diesem Bericht zufolge leben 14 Prozent der deutschen Bevölkerung unter der offiziellen Armutsgrenze. Dieser Prozentsatz entspricht exakt der gleichen Zahl, welche die USA unlängst als „unter der Armutsgrenze“ definiert hat, betont Andrew Terker.

Zwischen Februar und September gab es für die Klasse der Armen in Deutschland weder positive noch grossartige Veränderungen. Was sich jedoch verändert hat, so Andrew Terker, ist die Politik der deutschen Regierung in Bezug auf die Wirtschaft und ihre Darstellung durch die Medien. Positive Worte und Schlagzeilen sollen in der Bevölkerung eine positive Einstellung gegenüber der Regierung erzeugen!

Andrew Terker will mit folgender Frage zum Nachdenken anregen: Wie fühlen Sie sich, falls Sie ein Deutscher oder eine Deutsche sind und den „Wirtschaftsboom“ in Ihrem persönlichen Alltag nicht erleben? Sie haben das Gefühl, als würde mit Ihnen etwas nicht stimmen. Sie fühlen sich nicht durch Ihre Regierung repräsentiert. Die Regierung wird als anomales Monster wahrgenommen, das nichts mit Ihnen zu tun hat.

Für eine Regierung, die sich als demokratisch bezeichnet, fährt Andrew Terker fort, ist es nicht klug und weise, eine derartige Grundhaltung zu kreieren. Solch eine Regierung wird eine sehr grosse und starke Polizeieinheit brauchen, die dafür sorgt, dass ihre benachteiligten Bürger nicht rebellieren.

In Andrew Terkers Essay heisst es weiter: Das Wort „Wirtschaftswunder“ beabsichtigt, die Erinnerung an ein Deutschland wachzurufen, das sich aus der völligen Zerstörung – verursacht durch den zweiten Weltkrieg – selbst wieder herausmanövriert. Zum damaligen Zeitpunkt unterstützten die Deutschen sehr stark ihre neue Regierung, um aus dem Zustand der Armut herauszukommen, berichtet Andrew Terker. Die Bürger arbeiteten Hand in Hand mit der Regierung, um einen neuen deutschen Staat zu erschaffen. Das Wort alleine wird dieses Mal nicht funktionieren, da ein Grossteil der Bevölkerung den Staat nicht mehr länger unterstützt. Sie haben sich mit der Tatsache abgefunden, dass der Staat sie nicht vertritt. Andrew Terker weist darauf hin, dass dies ein Pulverfass ist, welches in der Zukunft explodieren kann.