ASSked – Nachgefragt: Ausgabe II /2009 – Thema: Innere Sicherheit und Terrorismus – Interviewpartner: Peter Schoor

ASSked – Nachgefragt ist eine Publikation der Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreise e.V. Experten und Zeitzeugen berichten aus ihren Fachbereichen und von ihren Erlebnissen. Das Interview-Magazin ASSked – Nachgefragt macht Außen- und Sicherheitspolitik menschlicher, greifbarer und direkter.

Ausgabe II /2009 – Thema: Innere Sicherheit und Terrorismus

Interviewpartner: Peter Schoor (Autor und Sicherheitsexperte)

ASSked: Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 starben mehr als 3000 Menschen. Bei den Madrider Zuganschlägen kamen 191 Menschen ums Leben. In London wurden 56 Menschen getötet. Hatten wir in Deutschland bisher nur Glück von Anschlägen verschont zu werden?

„Peter Schoor: Ja und nein. Deutschland hat es bisher geschafft, sich nicht allzu sehr in die unmittelbar direkte Bekämpfung des internationalen Terrorismus einzulassen und versucht eher durch begleitende respektive logistische Aufgaben den Verpflichtungen gemäß Art. 5 des NATO-Vertrages nachzukommen. Die Grundsatzhaltung, sich nicht in internationale Konflikte einzumischen und sich allenfalls auf sogenannte „friedenssichernde Maßnahmen mit reiner Eigenverteidigung im äußersten Notfall“ zu beschränken, hat sich seit der zunehmenden Eskalation in Afghanistan erledigt. Der islamistisch motivierte Terrorismus fordert klar dazu auf, seine Feinde bis in ihre Ursprungsländer zu verfolgen und zu töten. Somit ist auch Deutschland als ein Toptarget einzustufen. Das heißt im Klartext: Ja, wir haben Glück gehabt – bis jetzt.“

ASSked: Deutschland als „Toptarget“ hört sich natürlich sehr ernüchternd an. Wie könnten wir uns vor Terrorismus oder terroristischen Anschlägen schützen?

„Peter Schoor: 80 Prozent aller Sicherheitsvorfälle werden durch Menschen verursacht, und nur 20 Prozent durch Technik. Dennoch ist es uns bis heute nicht gelungen, den menschlichen Faktor in eine Erfolg versprechende Sicherheitskultur zu integrieren. Das werden wir auch mit noch mehr Überwachung, mehr Technik oder schärfere Gesetze nicht schaffen. Einen absoluten Schutz wird es nie geben. Ich denke, wir sollten uns Gedanken machen um zukünftige Ausbildungsstandards und Kompetenzprofile von der Basis bis in die Führungsebenen und bei diesem Ansatz sollten wir auch politische Strukturen nicht vernachlässigen. Die Qualität des internationalen Terrorismus hat sich in den letzten Jahren sehr verändert – sie ist professioneller und kompromissloser geworden und international aufgestellt. Inwieweit sich die Laufbahnschulungen von Polizei und Militär in den europäischen Ländern zum Thema globaler Terrorismus an der Basis ebenfalls weiter entwickelt haben, muss jetzt hinterfragt werden.“

ASSked: In Ihrem neuesten Buch „InSiTe – Innere Sicherheit und Terrorismus“ steht folgendes: „Ebenso alt wie die Sicherheit garantierende Funktion eines Staates ist auch die Furcht vor seiner Macht. Sicherheit und Freiheit seiner Bürger befinden sich andauernd in einem Spannungsverhältnis – auch in demokratischen Strukturen […].“ Wo endet Ihrer Meinung nach die Kompetenz des Staates zur Wahrung der Sicherheit und wo fängt Georg Orwells Alptraum von 1984 an?

„Peter Schoor: Menschen geben heute ein erhebliches Maß an individueller Freiheit auf und unterwerfen sich – mehr oder weniger freiwillig – allen möglichen Regeln, Vorschriften und Einschränkungen in der Hoffnung, dafür Sicherheit zu gewinnen. Technische, wissenschaftliche und politische Entwicklungen hatten 25 Jahre Zeit, die Visionen von George Orwell in die Tat umzusetzen – und es ist ihnen gelungen. In der heutigen Welt von artifficial intelligence und semantischen Verfahren ist praktische jede Art von Informationsbeschaffung- und Auswertung möglich. Die Möglichkeiten sind vielfältig – von Videoüberwachung über Handyortung, von Onlinedurchsuchungen auf Computern bis zur Einsichtnahme von Kontobewegungen, nur um einige zu nennen.
Ein Beispiel: Wenn Sie in der nächsten Woche mit Ihrer EC-Karte täglich 1000 Euro am Bankautomaten beziehen und zusätzlich jeweils 20 Liter Nagellackentferner und Wasserstoffperoxid ebenfalls unter Verwendung Ihrer EC-Karte einkaufen, könnten Sie theoretisch in den Verdacht geraten, terroristische Netzwerke zu unterstützen. Die Frage ist für mich heute nicht mehr, was ein Staat alles kann, sondern was er daraus macht. Wenn wir den Staat nicht mehr nur danach beurteilen, wie er nach Anschlägen reagiert, sondern ihn daran messen wollen, was er im Vorfeld unternommen hat, um Anschläge zu verhindern – dann müssen wir ihm auch Möglichkeiten zugestehen, dementsprechend zu agieren. Die Beschaffung von Daten zur reinen Vorratshaltung ist absolut inakzeptabel. Die Würde des Menschen ist unantastbar, zumindest haben wir das alle so gelernt. Dazu gehört auch grundsätzlich der Schutz der Privatsphäre, ohne Ansehen von Herkunft und Nationalität. George Orwell hat viele mit seinem Albtraum erschreckt, die Staatssicherheit der ehemaligen DDR ebenfalls. Es finden sich genügend Beispiele, wie es nicht sein darf. Wir entscheiden.“

ASSked: Mit welchem Mehrwert kann also der Leser Ihres Buches rechnen?

„Peter Schoor: Das Buch ist als Alternative zur ansonsten eher wissenschaftlich ausgelegten, verfügbaren Literatur zu verstehen. Meine Zielgruppe ist nicht der um Aufklärung bemühte Terrorismusexperte, wie wir ihn heute in jeder Zeitschrift und Medienanstalt oder politischen Struktur vielfach finden, sondern die breite Bevölkerung, die Familien mit ihren großen und kleinen Sorgen, die Polizisten im Streifendienst, der Bundeswehrsoldat, wo auch immer auf der Welt, genauso wie der Bäcker und Metzger um die Ecke oder der Heizungsmonteur auf der Baustelle.

Diese Menschen möchte ich erreichen und ihnen mit allgemein verständlichen Texten, anhand von prägnanten Beispielen und Zitaten, einen guten Einblick in eine sonst sehr komplexe Materie näher bringen.

ASSked: Sie schreiben, dass von 1978 bis 2008 – also innerhalb von 30 Jahren – insgesamt 6280 Menschen getötet und 25 500 in Folge von terroristischen Anschlägen verletzt wurden. Aber allein im Jahr 2008 gab es in Deutschland 4477 Verkehrstote zu beklagen, im und seit dem Dritten Golfkrieg starben zwischen 400 000 bis 900 000 Menschen, die Zahl der Kriegsopfer im 20. Jahrhundert beträgt nach Schätzungen von Zbigniew Brzezi?ski etwa 185 Millionen. Wenn man die Zahlen zu Terrorakten betrachtet und das dazugehörige Medienecho, könnte man fast von einer Massenparanoia sprechen.

„Peter Schoor: Natürlich stehen die Zahlen der durch terroristische Anschläge betroffenen Opfer in keinem Verhältnis zu den von Ihnen genannten. Meiner Auffassung nach gibt es allerdings einen gravierenden Unterschied: Während Verkehrstote sich in den seltensten Fällen freiwillig opfern, im Falle eines Krieges bei allen furchtbaren Opfern dort wenigstens noch Genfer Konventionen und Humanitäre Ansätze greifen sollten, hat der globale Terrorismus und hier vor allem der islamistisch motivierte Terrorismus nur ein einziges Ziel – zuschlagen ohne Vorwarnung, Maximum an Menschen töten und verletzen, ohne Unterschied zwischen einem Restaurant, einem Hotel, einem belebten Marktplatz.
Die Reihe lässt sich um viele weitere Ziele ergänzen. Ein weiterer erschreckender Punkt ist die Kompromisslosigkeit, sich dabei mit Hingabe selbst zu opfern. Ich denke, dass das von Ihnen beschriebene Medienecho vielleicht auch die Fassungslosigkeit aller involvierten Menschen gegenüber dieser Entwicklung wiederspiegelt.“

ASSked: Fassungslosigkeit ist ein gutes Stichwort. Wie kommen Menschen dazu sich selbst zu opfern? Welche Motivation steht dahinter?

„Peter Schoor: Die Opferung des eigenen Lebens für ein bestimmtes Ziel findet sich schon in der römischen Geschichtsschreibung. In der Neuzeit wird diese Opferbereitschaft noch radikalisiert, indem der eigene Tod nicht nur als Möglichkeit in Kauf genommen wird, sondern mit der Tat einhergeht. Der Täter opfert sich nicht nur, sondern beabsichtigt mit seiner Tat noch möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen. Besonders der Islam wird heute häufig als Verursacher genannt, da derzeit die weitaus meisten Selbstmordattentate von Muslimen begangen werden. Durch diese Bereitschaft wird ein Szenario beschrieben, in dem der Attentäter selbst, seine Familie, sein Glaube und sein Gott nur gewinnen können. Der Attentäter sichert sich seine Errettung und die Freuden des Paradieses. Er verteidigt seinen Glauben und kann sich in eine lange Reihe von Märtyrern einreihen. Viele streng religiöse Muslime widersprechen jedoch diesen Ansätzen und halten sie nicht für korankonform. Ich erlaube mir an dieser Stelle den Hinweis, dass es auch in nicht-muslimischen Gesellschaften Selbstmordattentäter gibt oder gab, wie etwa bei den Tamil Tigers in Sri Lanka, in der Kurdischen Arbeitspartei PKK oder bei den japanischen Kamikaze-Angriffen im Zweiten Weltkrieg.“

ASSked: Vielen ist der Ausspruch bekannt „Des einen Freiheitskämpfer, des anderen Terrorist“. Wieso sind diese Begriffe so schwer voneinander zu trennen?

„Peter Schoor: Dieser oft emotional aufgeladene Terminus macht eine genaue Definition sehr schwierig, da viele, die hierzu diskutieren, selten das Gleiche meinen. Wissenschaftler verschiedenster Couleur haben sich in den letzten 20 Jahren immer wieder an einer Definition dieser beiden Begriffe versucht, ohne bis heute einem Konsens zu finden. Die Diskussion wird wohl auch noch weitere 20 Jahre andauern. Eine abschließende Antwort kann auch ich nicht geben. Wie sich die Betrachtungsweisen selbst ad adsurbum führen, wird besonders deutlich am Beispiel der Taliban in Afghanistan. Während der sowjetischen Besetzung des Landes wurden sie als Freiheitskämpfer durch die USA mit Waffen, Ausbildern und Logistik unterstützt. Heute dagegen werden sie jedoch von den USA als terroristische Gruppierung mit antiamerikanischer Ausrichtung und als Helfer der al-Qaida gesehen und dementsprechend massiv bekämpft.“

ASSked: Terrorismus ist inzwischen zu einem fast inflationären Begriff geworden. Es scheint als würde jeder gewalttätige Akt gegen den Staat als Terrorismus gewertet werden. Wird Greenpeace bald auf einer Liste von Terrororganisationen erscheinen?

„Peter Schoor: Wenn Greenpeace die Schlauchboote verkauft, sich bewaffnet und dann mit den Piraten in Somalia verbünden würde – dann wohl. Ich gehe eher davon aus, dass Greenpeace eine für manchen unbequeme Umweltorganisation bleibt, die mit manchmal unorthodoxen Mitteln auf Missstände aufmerksam machen möchte. Alles andere ist schlicht einfach Nonsens.“

ASSked: Sie sprechen in Ihrem Buch von einem globalen Terrorismus und vom klassischen Terrorismus. Wie unterscheiden sich die zwei Begrifflichkeiten voneinander?

„Peter Schoor: Der „klassische“ Terrorismus operiert je nach Strategie entweder primär auf der nationalen oder auf der internationalen Ebene. Täter und Opfer sind Angehörige des gleichen Staates oder unterliegen zumindest der gleichen staatlichen Autorität. Typische Beispiele sind Gruppierungen wie die baskische ETA, die nordirische IRA, die kurdische PKK, die italienischen Brigade Rosso, die französische Action Directe oder die deutsche RAF. Im Unterschied zu seinen Vorläufern erreicht der globale Terrorismus durch islamistische Netzwerke vom Typ al-Qaida ein hohes internationales Gefährdungspotenzial. Angriffspunkt ist nicht eine spezifisch nationale, sondern die bestehende weltweite Ordnung. Die Angriffe richten sich dabei in erster Linie gegen die USA und ihre Verbündeten. Das Ziel besteht darin, den Einfluss des „Westens“ aus jenen Regionen zurückzudrängen, die in den Augen der Terroristen als islamisch gelten.“

ASSked: Das heißt, dass der Terrorismus sich gewissermaßen weiterentwickelt hat. Wie sehen die Entwicklungspunkte des Terrorismus in Europa aus?

„Peter Schoor: Terrorismus in Europa als explizite Methode wurde erstmals durch die Französische Revolution bekannt, in deren Schlussphase Terror im Rahmen der „Schreckensherrschaft“ („Regime de la terreure“) unter Führung von Robespierre als Machtmittel angewendet wurde. Die systematische Anwendung von Staatsterror in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts kann als eine Demonstration der Möglichkeiten terroristischer Praktiken verstanden werden, die in der Folgezeit zahlreiche Gruppen und Theoretiker herausforderte und inspirierte. Robespierre hat bereits im Jahr 1794 die Ziele seiner Gewaltpolitik beschrieben, deren Inhalte – entsprechend modifiziert – in viele Bekennerschreiben terroristischer Gruppierungen (RAF, Rote Brigaden) und religiöser Extremisten der Gegenwart übernommen wurden.
Auf theoretischer Seite entwickelten einige Denker im Umfeld der russischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts die Ansichten zum terroristischen Handwerk weiter und veröffentlichten 1868 einen sogenannten „revolutionären Katechismus“, deren Grundprinzipien ebenfalls bis heute im Umlauf sind.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte eine ganze Reihe von terroristischen Organisationen. Der anarchistische Linksterrorismus löste sich weitestgehend auf und trat erst wieder in den 60er Jahren in Erscheinung. Verdrängt wurde er durch nationalistische, rechtsradikale sowie kommunistische Massenbewegungen, die in Deutschland, Italien und Russland in den 30er und 40er Jahren massiv auftraten.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden terroristische Praktiken zunächst vor allem im Freiheitskampf gegen Kolonialherren in Asien, Afrika und dem Nahen Osten eingesetzt. Besonders auffällig waren in den 60-er und 70-er Jahren Gruppierungen mit nationalpolitischen und revolutionären Zielen, wie etwa RAF, PLO, Rote Brigaden oder ETA.
Seit den 70-er Jahren ist eine zunehmende Internationalisierung des Terrorismus zu beobachten. Mit den religiös motivierten Erscheinungsformen – die seit den 90-er Jahren immer häufiger auftreten – sind neue Strukturen mit transnational geführten Kommandoebenen entstanden.“

ASSked: Terrorismus lebt von Furcht und Schrecken. Sind die Medien inzwischen zu einem Instrumentarium des Terrors geworden?

„Peter Schoor: Ja und nein. Medien sind dazu da Nachrichten aus der Welt aufzugreifen, zu verarbeiten und den Menschen zur Verfügung zu stellen. Würde ich sie als Instrumente des Terrors empfinden, dürfte ich keine Zeitungen mehr lesen. Entscheidend ist, ob und wie Informationen sachlich oder reißerisch aufbereitet werden und es ist eine Frage von Anstand und Kodex. Ich frage mich allerdings schon länger, warum ich zum Beispiel bestens informiert werde über Anschläge mit Toten und Verletzten in Afghanistan oder aus dem Irak, aber selten bis nie etwas lese, sehe oder höre über die oft beschwerliche und gefährliche Arbeit von zivilen Aufbauhelfern. Ich neige inzwischen zu der Ansicht, das wohl ersteres aus Quotengründen besser platzierbar ist. Gern lasse ich mich hierzu eines Besseren belehren.“

ASSked: Wenn wir die größeren Anschläge der letzten Jahre vergleichen würden, zu welchen Schlüssen würden Sie gelangen?

„Peter Schoor: Die Anschläge machen deutlich, dass bestimmte Terrorgruppen heute in der Lage sind kriegsähnliche Zerstörungen anzurichten. Einkalkuliert werden nicht nur eine hohe Zahl von Todesopfern, sondern auch ökonomische, soziale und psychologische Folgen. Es ist davon auszugehen, dass solche terroristischen Gruppen inzwischen bereit sind sich auch chemische, biologische oder atomare Waffen zu beschaffen und diese einzusetzen.“

ASSked: Meinen Sie wirklich, dass Terroristen sich ABC-Waffen besorgen und diese einsatzfähig machen könnten?

„Peter Schoor: ABC-Terrorismus ist zu einer konkreten, neuen sicherheitspolitischen Herausforderung geworden. Der illegale Handel mit Massenvernichtungswaffen, Raketen und Materialien, die zu deren Herstellung benötigt werden, nimmt ständig zu. Weltweit sind einige Hundert Tonnen Plutonium und etwa 2000 Tonnen hochangereichertes Uran eigelagert. Zusätzlich fällt Plutonium in zivilen Reaktoren an – eine häufige Quelle für Atomschmuggel. Bei den biologischen und chemischen Waffen ist die Lage ebenfalls unklar. Auch wenn die Entwicklung, Lagerung und der Erwerb von biologischen Toxinen (Milzbrand, Botulin u.a.) zu nicht friedlichen Zwecken seit 1975 verboten ist, sind Kontrollen schwierig, da zivile und militärische Forschungen oft kaum zu unterscheiden sind. Seit 2007 sollten auch weltweit alle Arsenale und Produktionsanlagen von chemischen Waffen vernichtet sein, allerdings ist nach wie vor von einer nicht unerheblichen Grauzone auszugehen. Viele Staaten haben versucht biologische und chemische Waffen zu entwickeln, die als preiswerte Alternative zu einem Atomwaffenprogramm gelten. Das Risiko, dass diese Waffen in die Hände von Terroristen fallen können, ist hoch. Von einer Bereitschaft, sich diese zu beschaffen, ist zumindest auszugehen.“

ASSked: In Ihrem Buch haben Sie eine Studie zu Afghanistan veröffentlicht. Sie sprechen unter anderem über mögliche Übergriffe auf humanitäre Nichtregierungsorganisationen. Wie können sich zivile Aufbauorganisationen in Zukunft vor Überfällen schützen? Müssen das Rote Kreuz oder der Rote Halbmond bald private Sicherheitsfirmen zu ihrem Schutz einstellen?

„Peter Schoor: Die immer stärkere Vermischung von zivilen mit militärischen Interessen raubt der Humanitären Hilfe zunehmend diejenige Unabhängigkeit, die ihre Anerkennung und nicht-staatliche Akzeptanz bisher ermöglichte. Fast 4000 Zivilisten sind 2008 in Afghanistan bei Anschlägen und Kämpfen ums Leben gekommen. Heute wird Humanitäre Hilfe von der afghanischen Bevölkerung in vielen Fällen als Teil einer politisch-militärischen Strategie der im Land präsenten Staaten empfunden. Dieser Umstand ist der Hauptfaktor für das gestiegene und weiter zunehmende Gefährdungspotential für Humanitäre Helfer im Land. In Anbetracht der sich zunehmend weiter verschärfenden Sicherheitslage ist anzuraten, dass sich Humanitäre Organisationen ein eigenes Sicherheitsnetzwerk auf- oder ausbauen, auch wenn dieses nicht unbedingt den herkömmlichen Verfahrensweisen aus der Vergangenheit entspricht. Fakt ist, dass die praktische Substanz für zivile Ansätze zunehmend verloren geht und sich bereits Hilfsorganisationen aus bestimmten Regionen zurückgezogen haben oder dazu gezwungen wurden. Der Umfang Humanitärer Hilfe nimmt somit im gleichen Verhältnis ab wie das Sicherheitsrisiko ansteigt.“

ASSked: Sie schreiben in Ihrer Studie von einem „Staatsaufbau ohne Staat“. Wie meinen Sie das?

„Peter Schoor: Afghanistan ist nach über zwanzig Jahren Bürgerkrieg ein gescheiterter Staat. Staatliche Institutionen sind schwach oder existieren so gut wie gar nicht, erst recht nicht in den Provinzen. Bislang ist es keiner afghanischen und schon gar keiner ausländischen Staatsgewalt gelungen, Strukturen aufzubauen, deren Durchsetzungsvermögen bis auf die Kommunalebene hinunterreichte. Afghanistan hat nur selten in seiner Geschichte demokratische Instanzen gekannt, und jetzt sollen in kürzester Zeit die unterschiedlichen Gruppen und Stämme und ihre fragilen Strukturen zur Demokratie und zur guten Regierungsführung finden? Das halte ich in der jetzigen Konstellation für unmöglich.“

ASSked: Kann man sagen, dass nach acht Jahren Krieg gegen den Terror al-Qaida zurückgedrängt wurde?

„Peter Schoor: Unverändert gibt es keine eindeutige Bestimmbarkeit des Terrornetzwerkes, deren Anhänger oder über die Kaderorganisation. Die Führung der Gruppe ist unverändert aktiv und auf freiem Fuß. Sie hat es geschafft, den Irak in ein weltweites Modell für Terrorismus und Aufstand zu verwandeln, sie hat sich erfolgreich vom Irak nach Afghanistan und Westpakistan verlagert und an Kraft in Nordafrika hinzugewonnen, ebenso in Somalia und im Jemen. Es ist al-Qaida gelungen radikale junge Muslime zu inspirieren – und nach wie vor ist der Einsatz von Selbstmordattentätern die effektivste Waffe.“

ASSked: Dann ist al-Qaida keinesfalls besiegt?

„Peter Schoor: Auf keinen Fall, weil sie immer noch hochmotiviert ist und mit Hilfe des Internets ihre Doktrin und Botschaft verbreiten und Unterstützung einfordern kann. Es ist davon auszugehen, dass al-Qaida weder besiegt noch durch militärische Aktionen in ihrer Handlungsfähigkeit oder Gefährlichkeit geschwächt worden ist. Es ist bisher nicht gelungen eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man diese hohe Motivation bekämpfen kann. Al-Qaida könnte, entweder selbst oder mit Hilfe von Verbündeten, Anschläge wie die des 11. September 2001 durchaus wiederholen, sogar mit größerem Effekt oder Ausmaß. Die Anschläge in Madrid und London, die Planungen für Attentate auf von London startende Transatlantikflüge im August 2006 und auch die Vorbereitungen der „Sauerland-Zelle“ sind eindeutige Hinweise auf neue, weitere Aktivitäten.“

ASSked: Die Taliban agieren grenzüberschreitend zwischen Afghanistan und Pakistan. Es gibt Stimmen, die sagen man müsste die Grenze abschotten. Ist das überhaupt möglich?

„Peter Schoor: Es geht um eine 2560 Kilometer lange Linie entlang der Nordwestgrenze zwischen Pakistan und Afghanistan, an der die pakistanische Armee über 100 000 Soldaten stationiert hat. Im Detail handelt es sich um ein unübersichtliches, bergiges Terrain, in dem schon immer nur die Stammesfürsten regierten und der Staat Pakistan nach deren Überzeugung über keinerlei Autorität verfügt. Ist hier eine effektive Kontrolle möglich? Klare Antwort: Nein.“

ASSked: Wieso tun sich Staaten so schwer Terrorismus zu bekämpfen?

„Peter Schoor: Spätestens seit dem 11. September 2001 ist jede Art von Anschlag vorstellbar geworden, und eines der größten Hindernisse bei der Terrorismusbekämpfung besteht darin, dass sich kein Staat auf sämtliche Szenarien vorbereiten kann. Der globale Terrorismus kennt keine einfach zu identifizierenden Ziele: eine dänische Botschaft in Pakistan, ein Nachtclub auf Bali, Vorortzüge in London und Madrid, eine Synagoge in Tunesien, eine Sauerland-Zelle in Deutschland. Klar geworden ist, dass es heute grundsätzlich jede Person an jedem beliebigen Ort zu jeder Zeit treffen kann. Übrig bleibt die Frage, wie in Zukunft diesem Gefährdungspotential begegnet werden kann. Wie soll das strategische Denken in Zukunft ausgerichtet werden? Wie muss das Ausbildungsprofil angesichts dieser völlig neuen Bedrohungsform gestaltet werden, welche Kompetenzen müssen vorhanden sein? Wie groß ist die Differenz zwischen Theorie und Praxis in der täglichen Arbeit? Diesen Fragen werden sich in Zukunft Staaten stellen müssen.“

ASSked: Das Jahr 2009 war eines der blutigsten für die Koalition in Afghanistan. In diesem Jahr gab es mehr als 455 tote Soldaten zu beklagen. Sind wir dabei zu scheitern?

„Peter Schoor: Die neue Afghanistan-Politik der Vereinigten Staaten sieht eine massive strategische, militärische und wirtschaftliche Präsenz vor. Sie werden somit in Zukunft eine leading position beanspruchen und auch einnehmen. Klar formuliert bedeutet das nichts anderes als: Wer den höchsten Anteil übernimmt, bestimmt Richtung, Erfolg und letzte Entscheidung. Im Fall Afghanistan werden diese ebenso deutlich auch von strategischem und geo-politischem Interesse sein. In der Praxis wird sich das erschwerend auf den humanitären Ansatz auswirken. Es ist davon auszugehen, dass die zu erwartende weitere Militarisierung des Landes durch zusätzliche Kampftruppen auch zusätzliche Kampfhandlungen auslösen wird.“

ASSked: Wenn Sie die Möglichkeit hätten den kommandierenden US-General Stanley McChrystal zu beraten, was würden Sie ihm sagen?

„Peter Schoor: General McChrystal steht für eine massive Aufstockung der Truppen in Afghanistan, insbesondere einer weiteren Zuführung amerikanischer Einheiten. Die Meinungen hierzu sind geteilt, auch in den USA. Die wirtschaftlichen, politischen und strukturellen Probleme würden von einer derartigen Maßnahme nicht gelöst, zumindest nicht in einer Form, die der langfristigen positiven Entwicklung innerhalb der Bevölkerung dient. Es ist schlicht Nonsens, die Militärpräsenz in Afghanistan in Verbindung mit Abbau von Korruption und Missmanagement zu bringen.
Anders ausgedrückt: Soldaten greifen entweder an – oder sie verteidigen sich selbst bzw. schützen ihnen anvertraute Strukturen. Nach meinem Verständnis sind für alles weitere Managementlösungen, Aus-und Weiterbildung von Armee, Polizei und Verwaltung und die Schaffung von Versorgung und Logistik gefragt – und das möglichst nach den Wünschen und Bedürfnissen der afghanischen Bevölkerung und nicht unbedingt nur nach einem westlich geprägten Meinungsbild. Ad hoc beschränkt sich mein Beratungsangebot für General McCrystal zunächst auf drei Punkte, vorausgesetzt mein Mandat würde gleich beginnen:

1. Sofortige Auflösung der gemischten zivilen und militärischen Einheiten. Humanitäre Aufbaubauhilfen haben sich noch nie mit militärischen Ambitionen vertragen. Sie führen nur zur Verwirrung und Ablehnung in der Bevölkerung und gefährden die Sicherheit aller helfenden Organisationen;
2. Überprüfung der Strategien in der Talibanbekämpfung unter Einbeziehung der aktuellen Kommandostrukturen innerhalb der ISAF;
3. Überprüfung von allen privaten, bewaffneten Sicherheits- und Militärfirmen im Land inklusive Subunternehmen und Logistikfirmen.“

ASSked: Herr Schoor, herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führte Sebastian Buciak, ASS Berlin, freier Journalist
Berlin, den 18. Dezember 2009